
Ronaldo
Dass große Fußballer ihre Karriere beenden, ist ja nichts ungewöhnliches. Ein Sportlerleben ist endlich, und wenn der Körper nicht mehr mitmacht, ist auch die schillerndste Laufbahn an ihrem Ende angelangt. In den vergangenen Jahren beendeten unter anderm Größen wie Zinedine Zidane, Oliver Kahn oder Paolo Maldini ihre fußballerische Laufbahn – allesamt Spieler, die über Jahre hinweg den Sport geprägt haben und auch mich seit meiner Jugend begleitet haben. Aber das auch in den Medien intensiv beachtete Karriereende von Ronaldo Luis Nazario da Lima, kurz Ronaldo, hat eine besondere Qualität.
Der Schritt war abzusehen, er war wohl auch überfällig. Trotzdem war das Echo gewaltig, als dieser übergewichtige, traurig aussehende Brasilianer auf der von ihm einberufenen Pressekonferenz zerknirscht zugeben musste, dass der Wille zwar noch vorhanden ist, der Körper sich aber weigert. Sportwebseiten und Internetcommunities füllten sich schnell mit huntertausenden Kommentaren, die den Abgang eines der besten Stürmer aller Zeiten beweinten. Darunter waren mit Sicherheit auch viele Leute, die sich noch vor ein paar Monaten über die wandelnde Tonne auf zwei Beinen amüsiert hatten, in die sich der einst so kraftvolle und filigrane Ronaldo in den letzten Jahren verwandelt hatte. Scheinbar macht es Ronaldos endgültiger Abgang einfacher, seine gesamte Karriere zu sehen und nicht nur die unglücklichen bis traurigen letzten fünf Jahre.
Wie für so viele andere, die ihre fußballerische Sozialisation in den mittleren bis späten 90ern genossen, war Ronaldo auch für mich ein Idol. Er schoss die tollsten Tore, er war einige Jahre lang von niemandem zu bremsen außer seinem Körper und darüber hinaus wirkte er in seiner schüchternen bis leicht einfältigen Bubenart sympathisch. Er stieg genau in einer Phase zum besten Spieler der Welt auf, als Massenmedien und große Konzerne endgültig begriffen, welches Marktpotenzial im Fußball schlummert. Er war der erste Weltstar, der von der Werbung voll ausgeschlachtet wurde. Ich erinnere mich an glitzernde, aufwendig produzierte Werbespots von Nike, in denen Ronaldo Ende der 90er Jahr zu sehen war, und die den mythologischen Status festigten, den er mit 22 oder 23 Jahren schon genoss.
Ja, Ronaldo war tatsächlich “Il Fenomeno”. Bis er sich 1999 seine erste schwere Verletzung zuzog, war er etwa vier Jahre lang der beste Kicker der Welt. Seine Torquote war sensationell, sein explosiver Antritt ein Genuss und seine Dribblings oft phänomenal. Bei der WM 1998 war ich fast genauso stark für Brasilien wie für Deutschland, und zwar nur wegen Ronaldo. Als die völlig überalterte und behäbige deutsche Truppe schmählich im Viertelfinale ausschied, wollte ich, dass Brasilien mit Ronaldo Weltmeister wird. Damals erwartete jeder, dass er zum Superstar des Turniers werden würde. Das schaffte er erst mit vier Jahren Verspätung. Zwar schoss er 1998 vier Tore (darunter ein sensationelles im Halbfinale im Holland), doch zum Star wurde verdientermaßen Zinedine Zidane. Zu meinem Geburtstag 1998 ließ ich mir dennoch ein Brasilien-Trikot mit der Nummer 9 schenken – wenn auch mit meinem Namen darauf. Ronaldo war mein fußballerisches Vorbild, weil er eine Leichtigkeit und Klasse verkörpte, die einheimische Rumpelfußballer wie Jens Jeremies und Jörg Heinrich im Leben nie erreichen konnten. Bis heute hat bis auf Lionel Messi niemand mehr vermocht, Eleganz und Torgefahr so sehr zu vereinen wie Ronaldo in seinen besten Jahren.
Nach jener WM traf Ronaldo allerdings auf einen Gegner, den er nicht so einfach umdribbeln konnte: seinen Körper. Er verletzte sich Ende 1999 schwer, fiel fast ein Jahr lang aus, und verletzte sich dann bei seinem Comeback nach sieben Minuten erneut schwer. Das nahm mich schon noch alles mit, allerdings führte Ronaldos lange Abwesenheit auch bei mir dazu, dass der Heldenstatus etwas nachließ. Ich freute mich für ihn, als er 2002 ein fulminantes Comeback bei Inter Mailand schaffte, dass er bei der WM acht Tore in sieben Spielen schoss, ja ich verzieh ihm auch relativ einfach die beiden Buden im Finale gegen Deutschland. Aber die Bewunderung meiner frühen Jugendjahre war da schon dahin.
Er konnte auch nie wieder ganz an die Glanzzeit Ende der 90er anküpfen. Zwar spielte er nach seinem Wechsel zu Real Madrid noch zwei starke Saisons, wurde Torschützenkönig in Spanien und erzielte einen sensationellen Hattrick im Champions-League-Spiel bei Manchester United. Aber in der Zwischenzeit waren andere gekommen, die seinen Platz als Topstar der Welt einnehmen sollten. Sein Landsmann Ronaldinho etwa, der bei Paris St.-Germain und dem FC Barcelona Zauberkunststücke mit mannschaftsdienlicher Spielweise kombinierte und Erfolge am Fließband feierte. Oder der blutjunge Lionel Messi, der früh alle Eigenschaften eines Wunderkindes zeigte, die Ronaldo selbst Mitte der 90er gezeigt hatte. Auch in Deutschland war mittlerweile eine Generation von guten Kickern herangewachsen, die es einfacher machten, sich für die eigenen Spieler zu begeistern.
Doch nun, nach Ronaldos Rücktritt, wird mir wieder klar, was für ein außergewönlicher Spieler er war. Vielleicht verkläre ich das auch etwas, weil seine frühen Erfolge mit meiner eigenen Jugend verknüpft sind, die ich in sehr schöner Erinnerung habe. Aber ich weiß nicht, ob jemals wieder ein Spieler den Mythos erreichen wird, den Ronaldo zwischen 1996 und 1999 hatte. Und, bei aller Wertschätzung für die fußballerische Klasse und Torquote von Real Madrids Portugiesen ist es doch schade, dass die heutige Generation von Fußballfans Cristiano Ronaldo mehr vergöttert als den einst so großartigen Brasilianer.